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11. Ehemaliges Haus der Pauline Rothschild

Haus Pauline Rothschild

 

ehemaliges Haus von Pauline Rothschild (Sprinzen Lina), der letzten jüdischen Weigenheimerin

 

In Weigenheim wurde von der Landesherrschaft Schwarzenberg in der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts neun bzw. 10 jüdische Familien ‚ansässig gemacht‘. Sie bewohnten die Häuser Nr. 12, 13, 15, 28, 30, 59, 61, 62, 72, 74, 75 und 90 und bildeten eine Kultusgemeinde. Auf jedem der Häuser lag eine Matrikelnummer.

1863 wurden die Matrikelnummern abgeschafft und viele Familien zogen von den Dörfern in die Städte, wo die Verdienstmöglichkeiten besser waren. Auch in Weigenheim war dies der Fall und 1900 waren nur noch  Sophia und ihre erwachsene Tochter Pauline (geb. 26.6.1882) im Ort.

Paulines Urgroßeltern waren Abraham Forchheimer und „eine geborene Sprinz von hier“. Ihre Großeltern waren Lazarus Forchheimer und Bliemle Heidingsfeld, die aus Hüttenheim kam. Ihre Mutter war die Sophia Forchheimer, eine verehelichte Rothschild. Ein Vater der Pauline Rothschild ist nicht bekannt. Doch soll nach der mündlichen Überlieferung ihr leiblicher Vater der 1850 geborene Weigenheimer Georg Leonhard Schamann gewesen sein, der 1883 zusammen mit den Familien des Valentin und Peter Sämann nach Nord Carolina ausgewandert ist – vermutlich, um sich der Anerkennung der Vaterschaft zu entziehen.

Sophia erwarb im Jahr 1904 das Haus Nr. 15 für 3000 Mark vom Handelsmann Josef Liebreich, das dieser 1869 von den Geschwistern Juda und Amalia Forchheimer erworben hatten. Pauline erbte es 1916 nach dem Tod der Mutter  und betrieb  darin einen Spezereiladen. Zeitzeugen beschreiben sie als sehr beliebt und als Frau, die im Dorf viel Gutes getan hat. Sie war nun die einzige Jüdin im Dorf. In ihrem Laden kauften die Weigenheimer gerne Tabakwaren, Bonbons, Besen, Rechen, Peitschen und vieles mehr. Bei den Buben begehrt waren die „Blättchen“ für ihre Spielzeuggewehre wegen ihres Knalleffekts, wie der Zeitzeuge August Kollert berichtet. „Wenn wir als Kinder auf dem Feld besonders fleißig waren, durften wir uns bei der „Sprinzen Lina“ für zehn Pfennig Süßigkeiten kaufen“ erinnerte sich die Zeitzeugin Margarete May, geb. Plank. „Sie , die Sprinzen Lina, hat zum Dorf gehört, hat nur Gutes getan und war beliebt“ sagten die Zeitzeugen Georg May und Anna Schirmer  1990 aus. Ein fanatischer Nazianhänger, Lehrer Belz, der vorher auch gerne in dem Laden eingekauft hatte, betrieb nach der Reichskristallnacht 1938 ihre Ausweisung und nach einer Plünderung ihres Geschäfts, wurde die 57 jährige, die in Weigenheim geboren und gelebt hatte nach Würzburg umgesiedelt. Dem Landwirt Johann Himmer, Nr. 85, der sie zum Bahnhof nach Uffenheim gefahren hat, wurden von den Nazis in der folgenden Nacht die Fensterscheiben eingeworfen, wie sich einige Weigenheimer erinnern. In Würzburg, wo sie ab dem 26.6.1939 in der Kapuzinergasse 21 und ab dem 2.3. 1942 in einem Sammellager in der Bibrastr. 6 lebte,  wurde die Sprinzen Lina noch von verschiedenen Weigenheimern besucht. Eine dieser Besucherinnen wurde gar einem polizeilichen Verhör unterzogen. Im Frühjahr 1942 wurde in Weigenheim die Nachricht verbreitet, „die Sprinzen Lina sei eines plötzlichen, natürlichen Todes verstorben“.

In Wahrheit jedoch wurde sie vom Sammellager aus am 23.3.1942 zusammen mit über 1000 weiteren Juden aus Mainfranken über Nürnberg nach Izbica in Polen deportiert.

Beim Wegzug von Pauline Rothschild erwarb der Bader Wilhelm Bauer das Anwesen, und lange Zeit lebte die Familie Bauer darin. Die Schneiderin Betty Bauer verdiente sich darin ihren Lebensunterhalt und ältere Zeitzeugen berichteten, dass die Frauen des Dorfs früher zu ihr kamen, wenn sie Kleider für  festliche Anlässe  brauchten.

Wasser gab es im Haus selbst nicht, sondern es musste aus der Baderstube um die Ecke geholt werden. Nach dem Bau der Straßen und Gehsteige in Weigenheim lag das Haus dann tiefer als vorher und bei starkem Regen musste manches Mal Stroh um den Eingang gelegt werden, um ein Eindringen des Wassers zu verhindern..

Nach dem Tod der letzten Bewohnerin im Jahr 2002 kaufte Sabine May das Haus am 28. 2. 2003. Wegen Baufälligkeit wurde es am 7.3. 2003 abgerissen. Heute befindet sich dort eine Grünfläche.

Haus Rothschild

 

Eine Gedenkplakette im Gehsteig, die der Geschichts- und Brauchtums Stammtisch am 5.8.2010 gesetzt hat, erinnert daran, dass hier einst die letzte jüdische Weigenheimerin die „Sprinzen Lina“ gelebt hat. 

Gedenkstein